Ausstellung „Schubladendenken“ ab 21. September 2021 im Lauterbogencenter

Das Thema „Rassismus“ steht spätestens seit Mai 2020 international im Fokus. Angetrieben durch die „Black Lives Matter“-Bewegung (englisch für „Schwarze Leben zählen“) setzen sich immer mehr betroffene Menschen öffentlich damit auseinander, wie es ihnen damit geht, ausgeschlossen, beleidigt oder angegriffen zu werden. Doch nicht nur in den USA, wo Schwarze Menschen täglich damit rechnen müssen, dass ihre Schwestern und Brüder aus rassistischen Gründen ihr Leben verlieren, ist Rassismus ein alltägliches Thema. Auch hier in Suhl beeinflusst Rassismus das Denken und Handeln der Menschen. Um Bürger*innen, die nicht direkt davon betroffen sind, auf den alltäglichen Rassismus aufmerksam zu machen, ist es notwendig, die Perspektive Betroffener in den öffentlichen Fokus zu rücken. Ayșe Güleç, Künstlerin-Aktivistin hat dazu mal gesagt: „Wir sollen uns nicht vor die betroffenen Menschen stellen, auch nicht hinter sie, sondern zu ihnen.“ Nur so können wir in Erfahrung bringen, was die Betroffenen bewegt, welchen Problemen sie begegnen, was sie sich wirklich wünschen. Und erst dann können wir verhindern, dass sie sich „allein gelassen“ fühlen, ein Aspekt, der auch in vielen Interviews dieser Ausstellung thematisiert wird.

Die Gespräche mit betroffenen Menschen sind der Hauptbestandteil der Ausstellung. Wir sprachen mit ihnen darüber, ob sie in Suhl zum Beispiel auf der Straße und im Bus, in der Schule oder auf der Arbeit Erfahrung mit Rassismus und anderen Diskriminierungsformen machen. Dabei interessierte uns besonders, wie die Situationen für sie selbst waren und in welcher Form sie sich Solidarität wünschen. Zudem ging es um ihre Wünsche für ihr Leben und die Stadt Suhl. Mit der Ausstellung möchten wir aber nicht nur Aufklärungsarbeit leisten, sondern sie ist auch eine Einladung zum Dialog. Wir wünschen uns, dass Sie als Besucher*innen dazu angeregt werden, das Gespräch mit betroffenen Suhler*innen zu suchen, in ruhigen Situationen und mit respektvoller Ansprache. Wir möchten dazu ermutigen, im Miteinander eine Vertrauensebene zu entwickeln, die es Betroffenen ermöglicht, über Ausschlussmechanismen mit Menschen zu sprechen, die zu der ausschließenden Gruppe gehören.

Der offensichtlichere Teil der Ausstellung sind große Porträts der Interviewten. Sie sind kurz nach den intensiven Gesprächen entstanden und zeigen noch den Moment der Begegnung. Einige Porträtierte wollten anonym bleiben und sind deshalb nur von hinten zu sehen. Wir können unsere Augen nicht davor verschließen, dass die Gefahr, Opfer von weiteren öffentlichen Anfeindungen oder gar körperlichen Angriffen zu werden, äußerst real ist. Daher war es uns wichtig, einen sichereren Raum zu schaffen, in dem unsere Interviewpartner*innen sich möglichst offen äußern können. Denn viele der Betroffenen haben die Erfahrung gemacht, dass ihr erlebter Rassismus relativiert oder ihre Glaubwürdigkeit in Frage gestellt wird.

Die Idee zu dem Projekt entstand beim Internationalen Bund Suhl im Rahmen der Vorbereitung zur Interkulturellen Woche 2020. Der Jugendmigrationsdienst, der am IB angegliedert ist, unterstützt junge Migrant*innen, von denen viele selbst von Rassismus betroffen sind, und bietet ihnen auch in diesen Fragen eine Anlaufstelle. So sind viele der Porträtierten der Ausstellung Jugendliche, die vom Jugendmigrationsdienst betreut werden, oder Teilnehmer*innen von Sprachkursen, die beim Internationalen Bund stattfinden. Für die Umsetzung fand Katja Weber vom IB mit Rafael Brix einen im Thema bereits engagierten Dokumentarfotografen. Mit seinem Kollektiv unofficial.pictures ist er auf das Erzählen von Persönlichem und Politischem durch Fotografie und Film spezialisiert. Das Projekt wurde finanziert durch den Lokalen Aktionsplan „Suhl bekennt Farbe“ im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie Leben!“ und das Thüringer Landesprogramm für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit „Denk bunt“.

Wir danken besonders den Porträtierten, die sich in der Begegnung verletzlich gemacht haben. Sie haben viele Erlebnisse, die sie wütend oder traurig machen, erzählt, damit Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind, sie nachvollziehen können. Sie machen damit eine Form von Bildungsarbeit, die wir nicht hoch genug wertschätzen können.